Wenn zu viel Zeit krank macht

Das Leben. Durchgetaktet von Anfang an. Wenn wir es endlich hinbekommen haben, die bloße Existenz zu verkraften, uns einige Basic-Fähigkeiten angeeignet haben, geht es auch schon los. Kindergarten, Freunde, Sportvereine, Schule. Jeden Morgen früh aufstehen, high-life und high-brain. Abends fallen wir dann tot müde ins Bett. Abitur, Ausbildung, Beruf. Es geht weiter, tick, tack, von morgens bis abends – irgendwas gibt es immer zu tun, oder?

Ab wann wird Entspannung zur Anspannung?

Kein Wunder, dass sich viele nach Entspannung sehen, mehr Zeit für Freunde und Familie wollen. Mehr reisen, Zeit für sich selbst finden. Einfach mal nichts tun. Da kommt der Trend #slowliving, der in den letzten Jahren Einzug in diverse Lifestyle-Magazine hielt genau richtig! Einen Gang zurück schalten, die Zeit genießen und die Seele baumeln lassen.

Was aber, wenn die Seele nicht mehr nur baumelt, sondern nicht mehr weiß warum sie eigentlich an dem Seil baumelt, das sie festhält und wo sie eigentlich hin soll? Ab wann ist zu viel Zeit nicht mehr gesund? Ab wann wird Entspannung zur Anspannung? Diese Fragen habe ich mir über das letzte Jahr gestellt.

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Aber mal von vorn

Wir sind umgezogen. Neue Gemeinde, neuer Ort, neue Arbeitsstelle. Ich wechselte von Vollzeit zu Aushilfe und hatte massig Zeit meinen Alltag nach meinen Wünschen zu gestalten – endlich! Anfangs bin ich total versumpft und habe die ersten zwei Monate mit Netflix verbracht. Aber dann stellte ich fest: Ich konnte endlich zu allem ja sagen. Jugendarbeit in der Gemeinde? Ja, ich hab Zeit. Ein Fernstudium anfangen? Ja, ich hab Zeit. Einen Hund adoptieren? Ja, ich habe Zeit. Aufregend und spannend. Aber doch keine Aufgaben die eine ganze Woche füllten. Ich hab einiges gemacht: YouTube, Haushalt, Arbeit, Studium, Ehrenamt und trotzdem machte sich irgendwann der Gedanke breit: Ich mache nicht genug. Meine Tage verloren ihre Struktur, ich wurde unorganisiert und zur Aufschieberin. Ich suchte nach Motivation und konnte keine finden.

Wenn ich alle Aufgaben erledigt hatte fragte ich mich was ich tun sollte. Über freie Tage konnte ich mich nicht mehr freuen. Wofür sollte ich morgen eigentlich aufstehen? Wofür sollte ich mich eigentlich zurecht machen? Die viele freie Zeit tat mir einfach nicht mehr gut. Ich konnte selbst produktive Momente nicht mehr wertschätzen.

Und jetzt?

Ich habe meinen Job gewechselt. Nicht, weil ich meine alte Stelle nicht mochte, aber ich brauchte mehr Stunden und Struktur. Jetzt arbeite ich in Teilzeit und muss drei mal die Woche früh im Büro sein. Allein diese Tatsache gibt mir gleich viel mehr Struktur und ich war in den letzten Tagen so motiviert wie schon lange nicht mehr. Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht der Meinung, dass man für die Arbeit leben soll. Ich habe allerdings gemerkt, dass ich in meinem Leben viel Struktur brauche um glücklich zu sein. Und nun arbeite ich daran alle meine Projekte zu organisieren und ihnen Raum zu geben. Ich habe zwar Angst, dass es sich gerade nur um eine Hochphase handelt, aber das wird sich zeigen. Ich merke einfach, dass ich noch am Lernen und Reifen bin. Wahrscheinlich wird das auch nie aufhören, denn wie sagt man so schön: Man lernt nie aus.